Warum Selbstfürsorge kein Rückzug ist
- Siegrid Koglbauer

- vor 22 Minuten
- 3 Min. Lesezeit
- Über einen oft missverstandenen Schritt zwischen Druck und Veränderung.
Teil 2 von 3 · Selbstoptimierung, Selbstfürsorge und Selbstakzeptanz

Im ersten Teil ging es um den inneren Druck, ständig an sich arbeiten zu müssen. Um das Gefühl, nie ganz anzukommen.
Der nächste Schritt ist leiser - und zugleich grundlegender.
Selbstfürsorge wird oft missverstanden.
Nicht als etwas Grundlegendes, sondern als freundlicher Ausgleich, wenn man „zu viel gemacht“ hat.
Als etwas, das man sich zusätzlich erlaubt - neben dem, was als das „eigentliche Leben“ gilt.
Oft schwingt unausgesprochen mit: Erst funktionieren. Dann kümmern.
Selbstfürsorge erscheint dann wie ein kurzer Unterbruch im Getriebe.
Etwas, das man einschiebt, wenn es nicht mehr anders geht.
◇ Eine Pause.
◇ Ein Rückzug.
◇ Ein Durchatmen - damit es danach wieder weitergehen kann.
Vielleicht erkennst du dich darin:
Du merkst, dass du müde bist - und gehst trotzdem weiter.
Du spürst Spannung - und erklärst sie dir weg.
Du nimmst dir vor, dich später um dich zu kümmern.
Und dieses „später“ kommt selten.
Doch dieses Verständnis beschreibt nur einen Teil dessen, worum es hier geht.
Selbstfürsorge ist nicht das, was nach der Überforderung kommt.
Sie ist das, was Überforderung überhaupt erst verständlich macht.
Wenn Selbstfürsorge zur Belohnung wird
Viele Menschen kümmern sich um sich selbst - aber erst dann, wenn alles erledigt ist.
Wenn die To-do-Liste abgehakt ist.
Wenn sie „durchgehalten“ haben.
Wenn sie es „sich verdient“ haben.
Selbstfürsorge wird dann zur Belohnung für vorherige Anstrengung.
Doch auf diese Weise bleibt sie an Bedingungen geknüpft.
Und oft kommt sie zu spät - nicht, weil keine Zeit mehr da wäre,
sondern weil das innere System gelernt hat, sich erst nach dem Zusammenreißen wahrzunehmen.
Selbstfürsorge beginnt früher
Selbstfürsorge setzt nicht am Ende an, sondern deutlich früher.
In dem Moment, in dem sich innere Unruhe zeigt.
In der Müdigkeit, die ignoriert wird - nicht, weil sie unwichtig ist, sondern weil sie im Alltag keinen Platz bekommen darf.
In der Anspannung, die als persönliches Versagen gelesen wird, statt als Signal eines Systems, das zu viel trägt.
Selbstfürsorge bedeutet hier nicht, sofort etwas zu ändern.
Sondern wahrzunehmen, was gerade da ist - bevor der innere Druck übernimmt und etwas daraus machen will.
Kein Rückzug, sondern Kontakt
Selbstfürsorge ist kein Rückzug aus dem Leben.
Sie ist auch kein Nachgeben und keine Form von Nachsicht.
Selbstfürsorge ist Kontakt.
Kontakt mit dem eigenen inneren Zustand.
Mit Grenzen.
Mit Reaktionen, die nicht falsch sind, sondern Hinweise tragen.
Viele automatische Reaktionen entstehen nicht aus Schwäche, sondern aus Schutz.
Sie haben einmal geholfen, mit Belastung umzugehen.
Mit Überforderung. Mit innerem Druck.
Wenn wir ihnen nur mit Veränderungsdruck begegnen, zieht sich das System weiter zusammen.
Selbstfürsorge schafft an dieser Stelle einen anderen Umgang.
Warum Selbstfürsorge Veränderung ermöglicht
Unser Nervensystem verändert sich nicht durch Einsicht allein.
Es verändert sich durch Erfahrung.
Durch die Erfahrung, dass Wahrnehmung nicht sofort zu Bewertung führt.
Dass Anspannung nicht sofort korrigiert werden muss.
Dass innere Zustände da sein dürfen, ohne bekämpft zu werden.
Auch dann, wenn sie im Alltag eigentlich „stören“.
Selbstfürsorge schafft genau diesen Raum.
Nicht, indem sie alles gutheißt. Sondern indem sie den inneren Kampf unterbricht.
Und erst dort wird Veränderung möglich - nicht als Reaktion, sondern als Bewegung.
Eine leise Verschiebung
Selbstfürsorge fühlt sich oft unspektakulär an.
Kein explosiver Aha-Moment. Kein spektakulärer Durchbruch. Kein spürbarer, riesiger Fortschritt.
Eher wie eine leise Verschiebung.
Weg von: Ich muss mich zusammenreißen, sonst verliere ich den Halt.
Hin zu: Ich darf erst einmal wahrnehmen - und genau dadurch entsteht wieder Halt.
Diese Verschiebung ist klein. Aber sie verändert den Ausgangspunkt.
Eine offene Frage
Was würde sich verändern, wenn Selbstfürsorge nicht erst dann beginnt, wenn alles zu viel geworden ist - sondern genau dort, wo du beginnst, dich innerlich anzutreiben?
Im nächsten Artikel geht es um den dritten Schritt dieser Serie:um Selbstakzeptanz –nicht als Stillstand, sondern als inneren Standort, von dem aus Veränderung nicht mehr gegen dich arbeitet.
Herzlichen Gruß, Siegrid
Ich begleite Menschen dabei, Veränderung möglich zu machen. Nicht über Druck oder Selbstoptimierung, sondern so, dass innere Sicherheit entsteht und neue Schritte sich im Alltag wirklich tragen.
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